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04.03.2013
22:03

A. MASLOW x NET GENERATION = ?

Von Donnerstag auf Freitag habe ich im Münchner „Le Meridien“  übernachtet. Da mir vor einigen Tagen meine Aktentasche samt Rechner gestohlen wurde und ich in der Zwischenzeit einen alten Rechner ohne UMTS nutze, war ich auf – weil schon sehr spät abends – auf das WLAN in meinem Zimmer angewiesen. Satte 6 € möchte das Münchener Hotel für eine Stunde Internetzugang haben.

 

Nun musste ich dringend noch ein paar Mails raushauen und habe somit in den sauren Apfel (nicht Apple…) gebissen. Ich habe mich dann allerdings am nächsten Morgen im Zuge des Auscheckens beim Empfangsmitarbeiter darüber beschwert. Seine erste Antwort war: „Das machen hier in München alle Hotels in der Preislage so.“ Schön. Dann ging er einen Moment in sich und schob nach: „Wobei … man könnte sich auf positiv von der Konkurrenz absetzen, oder?!“ 100 Punkte, junger Mann!

 

Ich habe meinen Unmut schon auf Facebook geteilt und es ist eine recht intensive Diskussion um das Thema entbrannt. Die Unternehmensberater in meinem Bekanntenkreis argumentierten (wenn auch etwas augenzwinkernd), dass das Hotel richtig handele (Stichworte: Angebot und Nachfrage, niedrige Preiselastizität aufgrund meiner „Notlage“ etc.), andere konnten meinen Ärger durchaus nachvollziehen.

 

Man könnte ja z.B. einmal moralphilosophisch an das Thema herangehen nach dem Motto: Muss oder sollte man alles tun, nur weil man es kann? Ist es wirklich Ausdruck ehrbarer Kaufmannschaft, 6 € für eine Stunde Internetzugang zu berechnen, wenn das Zimmer selbst schon 180 € kostet? Ich bin allerdings kein Philosoph.

 

Nun könnte man z.B. auch standortpolitisch an das Thema herangehen. Selbstverständlich ist es aus Sicht des individuellen Hotels betriebswirtschaftlich sinnvoll (zumindest vordergründig …), den Obolus zu nehmen. Doch wenn es alle tun: Wie wirkt sich diese Praxis z.B. auf das übergreifende Image der Stadt München aus? Welches Signal setzt man unterschwellig an die vielen Gäste aus aller Welt? Die Region mag ein wichtiger Industriestandort sein, aber zukunftsgerichtete Startups vergrault man so sicher eher. Ich bin allerdings auch kein Politiker oder Stadtplaner.

 

 

Freier Zugang zu WLAN – was würde Abraham Maslow sagen?

Ich bin bekanntlich Psychologe und als solcher argumentiere ich auch gerne psychologisch. Und ich greife hier auf eine allseits beliebte, wenn auch betagte und (in Teilen) falsifizierte Theorie zurück: Die Bedürfnispyramide von Abraham Maslow (wobei Maslow selbst nicht von eine Pyramiden gesprochen hat; das ist bereits eine spätere Interpretation seiner Ausführungen). 

 

Abraham Maslow - Bedürfnishierarchie

 

Maslow ging – in kurz – davon aus, dass alle Menschen nach der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse streben, die er wiederum in verschiedene Kategorien einteilte. Nach der strengen Lesart seiner Theorie (die Maslow aber später selbst  korrigierte), geht man davon aus, dass eine Bedürfnisbefriedigung auf den höheren Ebenen erst dann angestrebt wird, wenn die niedrigeren Ebenen bereits ausreichend zufriedengestellt wurden. Ein flapsiges Beispiel: Wer zusehen muss, wo er sein täglich´ Brot herbekommt, macht sich keine Gedanken um den eigenen Wikipedia-Artikel.

 

Hier findet sich auch schon die entscheidende Falsifizierung des Modells. Menschen haben z.B. immer wieder große Kunst hervorgebracht, obwohl sie nur von der Hand in den Mund lebten. Und andersherum gibt es viele Mitbürger, die, obwohl alle niederen Ebenen bestens erfüllt sind, kaum nach Selbstverwirklichung etc. streben. Trotzdem ist der Grundgedanke einer gewissen Hierarchie sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Ohne Mampf kein Kampf, das weiß jeder gute Soldat zu bestätigen.

 

Angewendet auf den vorliegenden Fall wäre dann zu fragen, auf welcher Ebene der Zugang zum Internet einzuordnen wäre. Ich argumentiere: Für die jüngeren Semester unter uns (als Baujahr ´78 bin ich im Niemandsland zwischen Generation Golf und Generation Y geboren) ist er der untersten Ebene zuzuordnen. Ich habe bereits an anderer Stelle beschrieben, dass für Menschen, die seit Kindesbeinen mehr oder minder immer online sind, das Offline-Sein (müssen) einer Quasi-Amputation gleichkommt. Wir haben die Werkzeuge, die wir nutzen, schon immer als Extension unseres  Körpers betrachtet, das lässt sich hirnphysiologisch nachweisen. Doch kein Werkzeug (bzw. Kulturtechnik) hat unsere Lebensgewohnheiten so sehr beeinflusst, wie das Internet (vielleicht abgesehen von der Erfindung des Ackerbaus und der industriellen Revolution).

 

Nicht online sein zu können, führt zwar nicht zum Tod, so wie die Deprivation in Bezug auf die ursprünglich von Maslow beschriebenen Bedürfnisse der untersten Ebene. Aber: Nicht online sein zu können verhindert für den typischen GenYler oder Digital Inhabitant zu einem hohen Maße die Erfüllung der höheren Ebenen. Meine Ordnung (Wo erhalte ich wichtige Informationen über die Welt?), meine Zugehörigkeit (Wie kann ich problemlos mit meinen Freunden oder meiner Familie Kontakt halten?), mein Bedürfnis nach Selbstausdruck und Anerkennung (Wie kann ich mich der Welt mitteilen?) – all das wird heute zu einem immens hohen Teil durch das Internet er- oder ent-möglicht. Gemessen an meiner persönlichen Bedürfnishierarchie hätte das Hotel also genauso gut zusätzliches Geld für fließendes Wasser oder den Heizkörper verlangen können.

 

Länder, die etwas fortschrittlicher Denken, als der Freistaat Bayern, haben diese Entwicklung bereits erkannt. In Estland z.B. wurde das Recht auf WLAN-Zugang in der Verfassung verankert. Sie haben festgelegt, dass das Bedürfnis, online zu sein, ein unveräußerliches Recht ist, so wie die Freiheit oder die körperliche Unversehrtheit. Willkommen in der Zukunft, Bayern.

 

Der gute Abraham Maslow wusste freilich noch nichts von all diesen Dingen, als er seine Theorie niederschrieb. Ich habe mir die Freiheit genommen, seine Kategorisierung einmal für die Internetnutzung eines typischen Mitglieds der Net Generation durchzudeklinieren.

 

Was meinen Sie?

 

Dr. Nico Rose - Maslow-Pyramid x Generation Y

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